Unscharfe Aufnahme eines Bildschirms mit mehreren geoeffneten Terminal-Fenstern, in denen KI-Agenten gleichzeitig arbeiten

Zehn Fenster offen. 46 Agenten. Gleichzeitig.

Ich tippe nicht. Ich rede. Der Bildschirm füllt sich trotzdem, Zeile um Zeile, als würde ihn jemand anderes bedienen.

Neben mir sitzt ein Praktikant, sechzehn Jahre alt. Er sagt kein Wort. Er weiß nicht, wohin er schauen soll.

Dann kommt die Frage. Die, die jeder stellt, der das zum ersten Mal sieht.

„Braucht die KI den Menschen überhaupt noch?"

Ich antworte nicht mit einem Fachbegriff. Ich greife auf den Tisch. Da steht ein Glas, daneben ein Kabel. Ich nehme das Kabel und werfe es wie ein Lasso über das Glas.

Der erste Wurf sitzt selten sofort

Dieses Kabel um das Glas, das ist ein Prompt. Kein Klick, der sofort perfekt trifft. Der erste Wurf geht nicht immer daneben, aber meist sitzt die Schlinge noch viel zu locker. Das Glas könnte jederzeit rauslaufen wie ein Tier, das du nur halb erwischt hast.

Und jetzt kommt der Teil, den die meisten überspringen: Mit jedem weiteren Prompt ziehst du die Schlinge enger. Und enger. Bis am Ende genau das drin sitzt, was du wolltest. Nicht irgendein Ergebnis, sondern deine Idee als fertiges Produkt.

Wer glaubt, KI sei ein Automat, in den man oben eine Anweisung wirft und unten das perfekte Ergebnis herausfällt, hat das Lasso einmal geworfen und sich gewundert, dass das Glas noch nicht drin ist.

Woher der Satz „KI macht dumm" kommt

Es gibt viel Halbwissen über KI, und einer der hartnäckigsten Sätze ist: KI macht dumm. Ich verstehe, woher das kommt. Aber es stimmt nur unter einer Bedingung: wenn du eine einzige Sache sagst und sofort das Erste nimmst, was zurückkommt.

Das ist so, als würdest du einmal auf den Ball treten, danebenschießen und daraus schließen, dass Fußball nichts für dich ist.

Die KI macht nicht dumm. Sie belohnt nur den, der bereit ist, den zweiten und dritten und vierten Wurf zu machen. Der erste Prompt bringt dich in die Nähe. Die Arbeit, das eigentliche Handwerk, ist das Enger-Ziehen.

Warum ich das aus dem Sport kenne

Ich komme aus dem Sport, und ich sehe hier dasselbe Muster wie in jeder Trainingshalle. Die meisten wollen den perfekten Kick sofort. Sie sehen einen Profi, dem alles leicht von der Hand geht, und sie wissen nicht, wie viel Technik dahintersteckt. Wie viele Wiederholungen. Wie viele Würfe daneben.

Beim Prompten ist es identisch. Die Leichtigkeit, die du bei jemandem siehst, der flüssig mit KI arbeitet, ist kein Talent. Sie ist Muskelgedächtnis. Je öfter du mit den Modellen arbeitest, desto schneller sitzt der Wurf, desto weniger Runden brauchst du, bis die Schlinge eng ist.

Und da führt kein Weg vorbei. Du lernst Boxen nicht, indem du Videos schaust. Du lernst Basketball nicht vom Sofa aus. Du gehst hin und machst die Wiederholungen. Beim Arbeiten mit KI ist es genau dasselbe, nur dass es niemand so nennt.

Was das für deine Arbeit heißt

Ganz praktisch, für den Montagmorgen:

Erwarte nicht, dass dein erster Prompt sitzt. Plane den zweiten und dritten von vornherein ein. Nicht als Zeichen, dass etwas schiefläuft, sondern als den normalen Weg zum Ergebnis.

Wenn das Ergebnis nicht passt, ist das keine Sackgasse. Es ist ein Wurf, der noch zu weit war. Sag der KI, was fehlt, was zu viel ist, was du eigentlich meintest, und zieh die Schlinge enger.

Und hör nicht nach dem ersten Versuch auf. Genau da geben die meisten auf, und genau da liegt der ganze Unterschied.

Der schnellste Weg, die Schlinge enger zu ziehen

Und jetzt kommt der Teil, der aus einem netten Bild ein echtes Werkzeug macht. Denn die eigentliche Frage ist ja: Wie ziehe ich die Schlinge schneller enger, ohne mich durch zehn Runden zu prompten?

Die Antwort ist unangenehm einfach, und kaum jemand kommt von selbst drauf: Zieh nicht allein. Lass dir helfen.

Das Problem beim Enger-Ziehen bist nämlich oft du selbst. In deinem Kopf ist ein klares Bild, aber du sprichst nur einen Bruchteil davon aus. Den Rest rät die KI, und daher der zu weite Wurf. Statt jetzt zu raten und zu korrigieren, dreh die Richtung um. Gib der KI die Aufgabe, dich zu befragen.

Ein Satz reicht:

„Bevor du anfängst, stell mir drei bis fünf gezielte Fragen, um mich besser zu verstehen."

Und oft passiert dann etwas anderes. Die KI fragt dich nach Dingen, die in deinem Kopf waren und nie auf dem Bildschirm gelandet sind. Für wen ist das? Wie lang? Welcher Ton? Was ist das eigentliche Ziel? Nicht jede Frage trifft, das muss sie auch nicht. Aber jede Antwort, die du gibst, zieht die Schlinge ein Stück enger, meistens in einem Schritt statt in fünf blinden Versuchen.

Aus einem Monolog wird ein Gespräch. Und ein Gespräch trifft schneller als jede Ansage.

Der eigentliche Punkt

Als der Praktikant später gefragt wurde, was er mitnimmt, sagte er etwas Reiferes, als ich mit 16 gesagt hätte. Nicht „die KI muss besser werden", sondern:

„Ich muss an mir arbeiten, damit ich sie überhaupt bedienen kann."

Das ist der ganze Reframe in einem Satz. Der Engpass ist nicht das Werkzeug. Der Engpass ist die Bereitschaft, den zweiten Wurf zu machen. Und das ist eine gute Nachricht, denn Bereitschaft und Technik kann man trainieren. Talent brauchst du dafür keins. Du brauchst nur die Wiederholungen, und die Geduld, die Schlinge enger zu ziehen, bis dein Glas drin sitzt.

Ein Prompt ist kein Befehl. Es ist ein Lasso. Und werfen lernst du nur durch werfen.
Jakub Popluhar
Jakub Popluhar · Hill Digital
Business Lead bei Hill Digital und KI-Trainer.